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Arbeit an Kapitälchen

[German language]

Reflection Small Caps · Working on Letter Widths

Reflection Small Caps · Working on Letter Widths

 

EARLY STAGES

Die automatischen Wege, wie zum Beispiel die überaus nützlichen „Actionsets“ in Programmen wie FontLab helfen dabei die ersten Grundstrukturen aufzubauen, die Gewichte neu zu verteilen. Dann aber muss ein sorgsamer Prozess von neuem beginnen, der den Buchstaben im Vergleich zu ihren großen Verwandten wieder bestimmte Eigenheiten zuweist, die durch die Skalierung verloren gehen.

Hier zum Beispiel das ‘r’ der Reflection Small Caps. Nachdem ich schnell ein ganz gutes Ergebnis erreicht hatte über ein Actionset, dass gleichzeitig eine ungleichmäßige Skalierung (etwas mehr in der Breite als in der Höhe wegen des Rhythmus), eine zusätzliche Verdickung der Stämme in der Breite und eine abschließende leichte gleichmäßig skalierte Korrektur mit einer metrics Zugabe links und rechts um 20 Einheiten vorsah, korrigierte ich zunächst die Stärke der Serifen in der horizontalen und der damit für die Reflection typisch einhergehenden Ultra-Haarlinien in der Horizontalen. Danach aber begann die spannende Arbeit.

Mir gefiel am großen ‘R’ immer, dass der Bogen, der von oben kommt, einen guten Moment lang fast parallel verläuft und dem Band damit eine gleichmäßige Breite verleiht bevor er sich mehr ruckartig zusammenschnürt. Durch die proportionale Veränderung des Buchstabens in seiner Kapitälchen-Variante hatte sich das notgedrungen verändert. Der mehr elliptisch geschlungene Bogen schwoll zunächst langsamer an, verlieh dem Buchstaben einen leicht anderen Charakter. Etwas mehr „modern“, weniger klassisch. Das gefiel mir nicht. Mit einigen vorsichtigen Eingriffen an den Punkten und Anfassertangenten unterhalb des oberen Teils an der Innenform, die ich mehr nach unten, ins Innere bewegte (und dabei ebenso vorsichtig die Länge der zugehörigen Anfasser-Tangenten verkürzte) versuchte ich ganz langsam die charakteristische Wirkung des Bandes wiederherzustellen, wie es sich im großen ‘R’ zeigt. Mir fällt zu dessen Charakteristik immer die Art ein, wie der Modedesigner Valentino seine Bänder und Schleifen behandelte. Sie sind immer möglichst lange parallel verlaufend, verjüngen sich nicht langsam. Das unterstreicht die klassische Eleganz. Dazu ein Bild des ‘r’ während des zeichnerischen Prozesses.

Reflection Small Caps · ‘rR’ Early Versions

Reflection Small Caps · ‘rR’ Early Versions

Die Kapitälchen-Version einer Schrift läuft, so scheint es mir, stets ein wenig Gefahr, zu steif zu werden. Die verkleinerten Kapitalen lassen, ganz natürlich, die Rundungen, vor allem über größere Letternteile hinweg vermissen.

Auf diesen Aspekt habe ich mich ganz bewusst bei der Betrachtung dieser Buchstabenkombination [‘CsDior’] konzentriert. Ein Schlüssel schien mir die obere Serife des kleinen ‘i’. Sie musste sanft verkürzt werden, um mehr einen harmonischen Fluss der Buchstabenformen zu gewährleisten. Sozusagen ein Auf- und Ab des Blickes nicht zu stark in eine horizontale zu zwingen, was den wenigen verbleibenden runden Formen mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen könnte.

Ein gutes Beispiel dafür, wie sich Rhythmus, das heißt Abstandfindung in einer Schrift und ihre Zeichnung sich gegenseitig binden. Denn bei der Serife des ‘i’ sind Grenzen gesetzt. Sie kann nicht beliebig begrenzt, oder gar weggelassen werden. Nicht weil mich die Tradition davon abhält, sondern weil die zu stark verkürzte Serife dazu führen würde, dass der Buchstabe oben einbricht, ihm fehlte der ausgefühlte Raum im oberen Bereich, so dass zwangsläufig seine Räume links und rechts sich verkleinern müssten, um die fehlende Schwärze im Raum zu kompensieren. Das wiederum bringt beispielsweise zwei ‘i’ nun zu nah aneinander, in der Art, dass sie die den Bogenrhythmus der gesamten Schrift missachten würden. Es gilt also einen sorgsamen ausgependelten Kompromiss zu finden.

Early Sketch ‘CsDior’ · ‘i’ “Stiffness”

Early Sketch ‘CsDior’ · ‘i’ “Stiffness”

Ganz unbewusst hatte ich mich beim Reflection-Kapitälchen ‘i’ schon eines kleinen Tricks bedient. Ganz leicht hatte ich die obere Serife, vor allem auf der rechten Seite verdickt, den Eckpunkt unten eine Einheit oder zwei nach unten gezogen. Einfach um einen etwas stärkeren Akzent zu setzen. So konnte, denke ich, die Betonung der Serife, ihr Schwarzanteil im oberen Raum des Buchstabens erhalten werden und gleichzeitig konnte ihre Länge etwas verkürzt werden, um das horizontale „Davonlaufen“ der Linien etwas zu verhindern.

Das schnell skizzierte ‘o’ ist noch zu klein, ganz typisch für die Reflection, was die Kombination besonders mit dem Kapitälchen-‘i’ noch schwieriger macht. In diesem Stadium der Schriftentwicklung wollte ich die absolute Austauschbarkeit der verbleibenden Minuskeln aus der Normalvariante nicht aufgeben. Buchstaben wie ‘s’, ‘o’ etc. sollten absolut unverändert bleiben. Der Effekt, dass die Kapitälchen im Grunde den Gemeinen an Höhe, bzw. Größe überlegen sein müssen (denn ihnen fehlen bekanntermaßen die Ober- und Unterlängen, was sie schmächtiger erscheinen lässt im Zusammenhang ganzer Zeilen), habe ich solange bewusst ausser Acht gelassen. Erst zu einem späteren Zeitpunkt wollte ich darüber eine Entscheidung fällen. Der leichte Anklang an das Original Dior-Logo mit den für die Peignot typischen extrem verkleinerten Mittelhöhen spielte dabei auch eine Rolle, obgleich ich diesen Hommage-Gedanken ja bei der Regular ausser Acht gelassen hatte. Ich konnte mich zu diesem Zeitpunkt einfach noch nicht entscheiden.

Eine weitere Idee, zu der ich kam, um das Problem mit dem ‘i’ zu lösen, war eine minimal eingeknickte Serife. Durch einen etwa auf Mitte getrennt, konnte sich die Serife an beiden Enden etwas nach unten neigen, was zum einen den teils schrägen Serifen der normalen Minuskeln entgegenkam (oder auch den aus den Rundungen hervorgehenden wie beim großen ‘D’ mehr ähnlich war) und teils die Rigidität des ‘i’ im oberen Bereich etwas auflöste. […]